Die meisten Ikonen (bis Mitte 19.Jh.) sind in Eigelbtempera auf Holztafeln gemalt. Die Restaurierungstechnik ist daher anders als für ein Ölgemälde auf Leinwand. Dazu kommen sämtliche Probleme des Untergrundes Holz, wie z.B. Insektenfrass, unterschiedliche Ausdehnung je nach Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit, Astholz, rostende Nägel, schwache Leimstellen, kaputte Scharniere, Risse und Fugen. Ebenfalls zu beachten sind die verschiedenen Vergoldungstechniken, Goldschmiedearbeiten, Perl- und Broderiearbeiten. Manchmal gibt es auch anstatt Holz Blech, Silber, Bronze, Stein, Muscheln, Knochen, Elfenbein, Stoff, Papier, Eier, Karton….
Das macht die Sache natürlich äusserst spannend und weit aus interessannter als die klassische Malerei. Ausserdem sind die Themen sehr variiert, erzählen eine Geschichte, haben auch noch einen symbolischen Charakter und sind sehr dekorativ. Da Ikonen nach einer festgelegten, unabänderbaren Vorzeichnung ausgeführt waren, findet man noch die ganzen ursprünglichen Werte der christlichen Gesellschaft, die die westliche bzw. römische Kirche durch Modernisierung leider verloren hat. Im westlichen Christentum sind viele Sujets nur noch "Geschichtchen", die oft nicht mehr viel mit der Originalversion zu tun haben und deshalb den Symbolismus und ihre Bedeutung total verloren haben.
Erzengel Gabriel, griechisch, XV. Jh., Tempera auf Kreidegrund auf Holztafel, anonym Dieses fantastische Exemplar mit noch typischem byzantinischem Einfluss ist jetzt in einer grossen Ikonensammlung in San Franzisko. Ich hatte das Privileg vor etwa 20 Jahren an diesem Stück lokale Festigungen und kleine Retouchen auszuführen. Die Ikone ist auf der Titelseite des Buchs, das man als die „Bibel der Ikonen“ bezeichnet, abgebildet.
Muttergottes mit Kind, russisch, Ende XV. Anfang XVI. Jh., Tempera auf Kreidegrund auf Holztafel, anonym. Sehr schönes klassisches Beispiel hoher Ikonenkunst! Nach der Holztafel zu beurteilen ist diese Ikone noch vor dem XVII. Jh. Angefertigt worden. Sie hat während ihres Lebens sicher zahlreiche Wundertaten vollbracht, da sie mehrere Oklade (Metallene- oder Perlenverzierungen) trug. Man sieht dies an der unglaublichen Anzahl von gefüllten Nagellöchern. Als sie schlussendlich ihr letztes Oklad verlor, war der Untergrund so stark beschädigt, dass dieser „gestrippt“ (die restlich Farbe vom Hintergrund wurde abgenommen) wurde. Der weisse Hintergrund ist also die Farbe vom „Levkas“ (Kreidegrund).
Deesis, griechisch, Ende XIV. – Anfang XV. Jh., Tempera auf Kreidegrund auf Holztafel, anonym. Ausgesprochen schöne, elegante und klassische, byzantinische Ikone. Der verstorbene Besitzer war der letzte Erbe der alten königlichen albanischen Familie. Diese Ikone habe ich konsolidiert und alte Retouchen ersetzt.
|